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2022-10-26 14:38:01 By : Ms. Hope Guo

Von Martin Tillich Kategorien: Umweltschutz 20. April 2021, 14:06 Uhr

Die moderne Konsumkultur hat schon so einige Dummheiten hervorgebracht. Diese hier sind schwer zu überbieten. Und doch sind es nur die extremen Auswüchse unseres gedankenlosen Plastikkonsums.

Irgendwo in Idaho hat Andrea Milne dieses Foto aufgenommen. Zu ihrem Facebook-Post im Februar 2014 schrieb sie: „Possibly the most disturbing thing I’ve seen in a grocery store. “

Die Produktbeschreibung auf der Website von Dole Food (der weltgrößte Anbieter von frischem Obst und Gemüse) liest sich nicht weniger verstörend: Dank Folie sollen die „Easy-Baker® potatoes“ nach wenigen Minuten in der Mikrowelle wie Ofen-Kartoffeln schmecken.

Das soll vielen komfortsuchenden Konsumenten helfen, ihr „Fast-Food-Dilemma“ zu lösen.

Auch in deutschen Supermärkten findet man verstörende Produkte. „Dine Siege“ hat in einem Thüringischen Supermarkt diese gekochten, geschälten und in Plastik verpackten Eier entdeckt und im März 2016 auf Facebook gepostet:

„Die Dummheit der Menschen nimmt immer mehr zu. Man entferne die natürliche Schale (biologisch abbaubar) und ersetze diese durch künstliche Verpackung (biologisch nicht abbaubar und umweltschädlich)“.

„Ãœberrascht und enttäuscht“ von der unnötigen Verpackung postete Christine Kizik dieses Foto im März 2016 auf der Facebook-Pinnwand des Sobey’s Supermarkt (Kanada). Der Supermarkt kommentierte den Post und lieferte eine bemerkenswerte Erklärung für das absurde Produkt:

Es sei für Leute entwickelt worden, die „neu im Umgang mit Avocados sind“, es soll außerdem „ein bisschen mehr Komfort bieten“. Man müsse sich nicht der „Herausforderung des Schälens“ stellen und es gäbe „kein Rätselraten“, wann die Avocado reif sei.

Anders gesagt: Sobey’s macht aus einer einfachen Frucht ein entfremdetes Supermarkt-Produkt, das an die Dummheit und Faulheit seiner Kunden appelliert und an verschwenderischer Ignoranz kaum zu überbieten ist.

Dieses Foto hat eine Utopia-Mitarbeiterin 2017 in einem italienischen Supermarkt aufgenommen. Bemerkenswert ist nicht nur die Vielfalt der unnötig verpackten Früchte, sondern auch, dass sie im Kühlregal drapiert sind, wo sie allesamt nicht hingehören. Lies dazu: Lebensmittel, die du nicht im Kühlschrank lagern solltest

Schon seit 2010 geistern Bilder wie dieses in den sozialen Medien umher. Für Leute, die unwillig oder -fähig sind, eine Flasche Wein zu öffnen, hat das britische Einzelhandelsunternehmen Marks & Spencer ein tolles Angebot: Ein wohl portioniertes und geschmackvolles Plastik-Glas Wein.

Dieses Bild hat 2012  den „Naked-Banana-Shitstorm“ in den sozialen Netzwerken ausgelöst. Tatsächlich stand aber eine ehrenhafte Absicht hinter der absurden Umverpackung der Bananen: Ein Mitarbeiter der österreichischen Supermarktkette Billa wollte unappetitliche, braunfleckige Bananen vor dem Wegwerfen bewahren. Er hat sie kurzerhand geschält und in Plastik verpackt, damit sie doch noch verkauft werden können.

Billa bat daraufhin auf Facebook um Entschuldigung: Dieses Beispiel habe aber gezeigt, dass man das Thema Nachhaltigkeit noch intensiver direkt an die Mitarbeiter vermitteln müsse, damit es in Zukunft nicht mehr zu solchen Vorfällen komme.

Auch Bilder von einzeln verpackten Bananen findet man schon seit einigen Jahren im Netz. Dieses stammt von 2007, aufgenommen in einer Filiale der britischen Supermarktkette Morrison’s. Anders als bei den geschälten Billa-Bananen ist klar: Hier handelt es sich nicht um einen gut gemeinten Einzelfall, sondern um unnötigen Unsinn mit System.

Es ist wahr: Dieses Bild zeigt eine Kartoffel, die in geriffelte Scheiben geschnitten und in Plastik verpackt wurde und die darum den originellen Namen „Back- & Pfannenkartoffel“ tragen darf. Einem äußert lagerungsfähigen Gemüse wurde so seine Haltbarkeit extrem verkürzt; der Inhalt einer Packung reicht kaum einem Alleinstehenden als Beilage und der Sonderpreis von 1,49 für ein paar Kartoffelscheibchen ist ein Wucher. Unsere Facebook-Leserin Sabrina hat dieses Foto in einem deutschen Supermarkt gemacht.

„Wenn sich die Natur nur etwas hätte einfallen lassen, um die Orangen zu bedecken, damit wir nicht so viel Plastik verschwenden müssten,“ twitterte Nathalie Gordon im März 2016. Und kritisierte so ein Foto, das einzeln abgepackte, geschälte Orangen in einem „Whole Food Supermarket“ in Kalifornien zeigte.

In den sozialen Netzwerken verbreitete sich das Foto rasant. „Whole Food Supermarket“ erklärte daraufhin: „Viele unserer Kunden lieben die Bequemlichkeit, somit haben wir unser Angebot erweitert. Orangen- und Mandarinenstücke sind seit langem Favorit in den Filialen.“

Aber die Supermarktkette zeigte sich auch einsichtig: „Definitiv unser Fehler. Die Orangen wurden geschält. Wir hören auf Sie und setzen zukünftig wieder auf die natürliche Verpackung: die Schale“, hieß es auf Twitter. Verbrauchermacht zeigt Wirkung.

Dieses Bild einer in Plastikfolie eingepackt en Kokosnuss wurde im Mai 2016‎ auf Facebook gepostet – aufgenommen auf der Messe „VeggieWorld“ in München .

D er Hersteller begründet die Verpackung so: „Die jungen grünen frischen Trinkkokosnüsse werden einige Monate früher geerntet als die gut bekannten braunen „haarigen“ Kokosnüsse.“ Weiter heißt es auf der Website: „Nach der Ernte werden die Kokosnüsse gewaschen und teilweise von Haut und Fasern befreit. Anschließend, einzeln in Folie verpackt und gut gekühlt, treten sie ihre Reise nach Deutschland an.“

Damit man hierzulande „junges Kokoswasser“ schlürfen kann, wird der Nuss also nicht genug Zeit gelassen, ihre robuste braune Schale auszubilden, stattdessen wird sie in Plastik verpackt. „Fühlt sich irgendwie falsch an“, schrieb der Fotograf zum Bild.

Als wir dieses Bild zum ersten Mal in einem Artikel gezeigt haben, wussten wir nicht mehr darüber, als dass es in einem Supermarkt in Hongkong geknipst wurde.

Nachdem sich daraufhin viele Leute bei uns gemeldet haben, sind wir heute ein wenig schlauer: In China, aber auch in Japan und in New York soll es durchaus aus üblich sein, dass Getränkedosen in Kühlregalen nochmal extra in Plastik verpackt sind. Aus hygienischen Gründen – denn schließlich berührt man ja mit seinem Mund eine Dose, mit der wer weiß was vorher passiert sein könnte.

Wir möchten niemandem Angst machen, aber wir geben zu bedenken: Die Dose muss irgendwie da hinein gekommen sein!

Wir sind uns nicht sicher, aber womöglich hat Edeka die Zitrone in den Becher gesteckt, damit die Bio-Zitrone nicht mit konventionellen vertauscht werden kann, wie gesetzlich vorgeschrieben.

Auch über dieses Bild wissen wir abgesehen von der Herkunft wenig. „Are you serious, Japan?!“, heißt es im Post von alternulltivhamburg. Aber auch unwissend halten wir einzeln verpackte Karotten für einen relativ verstörenden Anblick.

Auch dieses Foto wurde in Japan aufgenommen. Eine Zusendung unserer Facebook-Leserin Vera.

Auch hier: WARUM? Wer kurz im Netz recherchiert findet die Antwort. Ein Burger-Lokal-Betreiber aus Los Angeles hat 2015 eine Antwort auf Kundenunzufriedenheit aufgrund von ketchup-durchweichten Burgerbrötchen gesucht. Seine unternehmerische Antwort: Ketchup in Scheiben, auch Ketchup-Leder genannt. 2021 hat unser Leser Christopher die „Innovation“ in einem deutschen Discounter entdeckt. Zugeben, hier ist vermutlich das Produkt selbst noch absurder als das unnötige Mehr an Verpackung.

Paul Watson ist Gründer der Umweltschutzorganisation „Sea Shepherd“, die sich insbesondere für den Schutz der Meere und gegen den Walfang einsetzt. Anfang Mai 2016 empörte er sich mit einem bemerkenswerten Facebook-Post über einzeln verpackte Orangen und Zitronen, die er in einem Supermarkt gesehen hatte:

Schon 700 Millionen Tonnen Plastik würden im Meer schwimmen, jeden Tag käme mehr hinzu. „Plastik tötet das Leben im Meer.“ Bis in die 1950er Jahre sei die Welt ohne Plastik ausgekommen – „Plastik muss aus unserem Leben verschwinden“.

Einzeln verpackte Zitrusfrüchte, obwohl sie von Natur aus eine robuste Schale besitzen; harte Eier in Plastikverpackung, weil manche Menschen scheinbar zum Kochen und Schälen zu faul sind – darüber kann man nur den Kopf schütteln. Schade wäre es, wenn es dabei bliebe. Denn dies sind nur die extremen Auswüchse unseres gedankenlosen Plastikkonsums.

Wie viele in Plastik verpackte Produkte halten wir nur deshalb nicht für absurd, weil wir ihren Anblick gewohnt sind:

Müssen wir wirklich schon im Mai Erdbeeren essen, die ihren Transport aus Südländern im umweltfreundlichen Pappschälchen nicht überstehen würden? Sind wir gezwungen Äpfel und Tomaten in der Plastikschale zu kaufen, nur weil Discounter keine losen anbieten? Müssen wir Tüten-Salat kaufen, nur weil wir zu faul sind, ihn selbst zu zerkleinern und zu mischen? Für Menschen mit körperlichen Einschränkungen können solche Produkte nützlich sein, alle anderen sollten sie der Umwelt zuliebe aber nicht kaufen.

Plastik ist eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit – und wir alle können etwas dagegen tun! 

English version available: Plastic Packaging that Makes You Question Humanity

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Schlagwörter: Plastik Plastikfrei Utopia auf Instagram Verpackung Verpackung vermeiden